Der MP Impuls zum Wochenende

Vielleicht kennen Sie das ja auch: Sie kommen abends nach Hause und fragen sich, was heute eigentlich mit Ihnen los war? Sie schauen in den Spiegel und den Menschen, den Sie sehen, kennen Sie gut – nur das, was dieser Mensch heute gemacht hat, kennen Sie so eigentlich nicht von ihm.

“Ich möchte nicht mehr die Kontrolle über mich verlieren und Dinge tun, die ich hinterher bereue.”


So lautete vor einigen Monaten einmal der erste Entwurf einer Zielformulierung, den einer meiner Klienten als sein Ziel für die Zusammenarbeit mir mir notierte. Mit diesem Ziel haben wir so letztlich nicht gearbeitet, aber es war natürlich ein guter Einstieg für mich, um weitere Fragen zu stellen.

“Was genau passiert denn, wenn Du die Kontrolle verlierst?”, fragte ich ihn als erstes. “Bitte gib mir doch mal ein Beispiel.”

Beispiele gab es viele und sie waren durchaus unterschiedlich. Sie kamen sowohl aus dem beruflichen als auch aus dem privaten Bereich. Sie lauteten beispielsweise:

“Ich brülle meine Sekretärin an, obwohl die nun meist wirklich nichts dafür kann.”

“Ich esse zwei Tüten Chips nacheinander, obwohl ich genau weiß, wie ungesund das ist und ich danach meistens Bauchschmerzen habe.”

“Ich schalte mein Handy ab und lasse es drei Tage ausgeschaltet. Ich bin off, liege den ganzen Tag im Bett und alle anderen können mich mal.”

“Ich kaufe mir eine teure Armbanduhr, obwohl ich schon 12 Stück habe und genau weiß, dass ich sie wohl sehr selten tragen werde.”

“Ich habe das Bedürfnis, mich irgendwie zu verändern, weil ich mich gerade selbst nicht mehr sehen kann. Das führt meisten zu einer Woche, in der ich mich nicht rasiere. Danach sehe ich irgendwann so schrecklich aus, dass dieser Anblick noch schlechter zu ertragen ist.”


Haben Sie sich an dem ein oder anderen Punkt auch wiedererkannt und vielleicht gedacht: ‘Genau, so mache ich das auch!’ Das überrascht mich nicht, es ist sehr menschlich!

Die Arbeit mit meinem Klienten zeigte sehr schnell ein immer gleiches Verhaltensmuster: Dem Moment des Kontrollverlustes ging immer eine längere Phase voraus, in der er sehr diszipliniert sein musste. Diese Phase war arbeitsintensiv und von langen Arbeitsgagen geprägt. Er musste stets auf viel Freizeit verzichten und seine eigenen Interessen hintenanstellen. Der gefühlte Druck im Job war hoch, Fehler machen war verboten, es ging um zu viel Geld, zu viel Prestige oder ähnliches. Viele Wochen funktionierte er gut, teilweise sogar sehr gut, das alles machte ihm nichts aus, bis plötzlich der Kontrollverlust kam.

Ich erklärte meinem Coachingnehmer, dass wir viele sind und er schaute mich etwas verwirrt an. Er verstand aber schnell, was ich meinte, denn wir alle haben verschiedene Persönlichkeitsanteile und sind nicht nur eine Person, sondern die Summe unserer Anteile. Alle Anteile verfolgen für uns eine positive Absicht, nur eben nicht immer die gleiche. Das kann zu Konflikten führen.

“Also”, fragte ich meinen Klienten, “wer funktioniert denn da so gut in diesen Druckphasen?”

Er beschrieb schnell einen Persönlichkeitsanteil, der eifrig war, erfolgshungrig, anpackend, erfolgsverwöhnt, strukturiert, umsetzungsstark. Ein Macher eben und so nannte er ihn auch.

Der „Macher“ war oft wochenlang “am Drücker” und absorbierte alle Energie, wie im Gespräch schnell klar wurde. Der „Macher“ aß keine Chips, viel zu ungesund. Der „Macher“ kaufte keine Armbanduhr, brauchte er nicht. Der „Macher“ telefonierte 16 Stunden am Tag, Handy ausschalten kam nicht in Frage. Der „Macher“ war immer tip top geschniegelt, denn er stand ständig auf der Bühne, in Projekten, vor Kunden oder Entscheidungsträgern. Der „Macher“ war sehr dominant.


“Wundert es Dich, dass dieser Typ alle anderen Anteile in so einer Phase kaltstellt?”, fragte ich meinen Kunden. Nein, das wunderte ihn nicht. “Wen stellt er denn alles kalt?”, fragte ich weiter und schnell kam mein Kunde auf andere Persönlichkeitsanteile, die in solchen Wochen allesamt zu kurz kamen. Es sprudelte fast aus ihm heraus: Der „Genießer“, der gutes Essen und Wein liebte. Der „Insichgekehrte“, der stundenlang Musik hören und sich selbst genug sein konnte. Und es gab noch ein paar Anteile mehr.

Kontrollverlust, das war also eigentlich ein aus der Balance sein. Seine Persönlichkeitsanteile harmonierten nicht mehr miteinander, einige wurden unterdrückt.

Vielen meiner Coachingnehmer hat dieses Konzept schon geholfen:

Wir sind viele!

Nicht ich bin, sondern ein Teil von mir ist. Das fühlt sich schnell viel leichter und besser an. Ich kann in Kontakt mit diesem Teil gehen und schauen, was er braucht. Ich bin nicht hilflos, weil immer ein Teil da ist, der mir weiterhilft, ich sehe und spüre ihn im Moment vielleicht nur nicht. Auch wenn die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen oft umfassend ist, allein die Erkenntnis, dass der „Macher“ nur ein Teil von ihm ist, den er auch in seine Schranken weisen kann, ließ meinen Klienten schnell große Fortschritte machen.

“Du bist der Macher, Du machst mich beruflich erfolgreich. Du bist ein Teil vor mir, aber Du bist auch nur ein Teil vor mir!”

Damit ging es ihm sofort viel besser.

Nun noch zu Ihnen:

Welcher Ihrer Anteile ist vielleicht aktuell sehr dominant?

Was fühlt sich gerade gar nicht gut an und welcher Anteil könnte es sein, der momentan nicht genug Aufmerksamkeit bekommt?

Welchen Anteil wollen Sie unbedingt mal wieder in den Vordergrund rücken, spüren und wertschätzen, damit Sie sich besser fühlen?

Vielleicht fangen Sie ja gleich an diesem Wochenende damit an!

Der MP Impuls zum Wochenende

Peter kannte ich schon einige Zeit, bevor er mich auf ein mögliches Coaching ansprach. Er war Teamleiter in einem großen Konzern und in den letzten Monaten hatte er verstärkt neue Mitarbeiter bekommen. Das war einerseits schön, denn sein Team wuchs und er konnte die vielen Aufgaben endlich auf mehr Schultern verteilen. Andererseits hatten damit auch die Probleme zugenommen, denn Peter fühlte sich als Führungskraft zunehmend unwohl.

„Was konkret bereitet Dir denn dieses Unwohlsein?“, fragte ich ihn. Wie zu erwarten, konnte er das nicht genau beantworten und so näherten wir uns dem Kern der Sache langsam an. In den letzten Monaten hatte er viele junge Leute in sein Team bekommen. Ausgelernte Azubis, Studenten in ihrer ersten Anstellung nach dem Studium. „Die haben frischen Wind ins Team gebracht, das ist schön“, führte Peter aus. „Aber irgendwie sind die so anders als ich, ich weiß auch nicht.“

Peter ging auf die 50 zu und dass die jungen Menschen anders waren, überraschte nicht. So bat ich ihn um ein Beispiel:

„Ich habe zwei der Neuen gebeten, ein Konzept für eine Verbesserung der Schnittstelle zu unserer Nachbarabteilung zu erstellen. Da hakt es manchmal und aus Kundensicht war ich mir sicher, dass wir in der Zusammenarbeit noch besser werden können.“

Soweit so gut, dachte ich bei mir, doch irgendwie sah Peter schon bei dieser Schilderung verkniffen aus. „Was ist daraus geworden?“, fragte ich.

Er habe sich ständig gefragt, ob er das nicht besser selbst gemacht hätte, erklärte er mir. War das nicht seine Aufgabe, die Zusammenarbeit zu managen? Einige Tage habe er schlecht geschlafen und dann wollte er die Aufgabe an sich ziehen, doch es war schon zu spät.

„Peter wir haben schon alles geregelt, das Konzept ist fertig und die Kollegen von nebenan finden es super. Auch Thomas findet es toll – am Montag starten wir mit der neuen Zusammenarbeit, wir müssen es nur noch morgen in unserer Teambesprechung den anderen Teammitgliedern vorstellen.“

Thomas war der Teamleiter des Nachbarteams und Peter war kreidebleich, als er erzählte, dass seine Mitarbeiter auch schon mit ihm gesprochen hatten.

„Du siehst ganz schlecht aus, dabei hast Du sehr selbständige und fähige Mitarbeiter, Du könntest stolz sein, was bedrückt Dich?“ Meine Frage sorgte für einige Augenblicke des Schweigens.

Ich war mit Peter am Kern des Problems angekommen und der Kern lautete Kontrollverlust. Da waren diese Fragen in seinem Kopf:

Warum waren seine Kollegen nicht zuerst zu ihm gekommen, um ihr Konzept vorzustellen?

Was wäre gewesen, wenn das andere Team, die Ideen nicht gut gefunden hätte?

Was wenn Thomas ihn jetzt für unfähig hielt, weil nicht er mit diesen Vorschlägen gekommen war?

Wie sollte das überhaupt weitergehen, wenn seine Mitarbeiter plötzlich so selbständig waren und ihn gar nicht mehr brauchten?

Peter hatte gefühlt die Kontrolle verloren und fühlte sich ganz schlecht damit. Er war es jahrelang gewohnt, die Fäden in der Hand zu haben und sich kleinteilig berichten zu lassen, um dann selbst zu entscheiden. Auch die Kommunikation in andere Bereiche war stets seine Aufgabe gewesen. Und plötzlich drohte ihm alles zu entgleiten, die überzeugenden Ergebnisse freuten ihn nicht, er nahm sie nicht einmal richtig wahr.

So wie Peter geht es gerade vielen Menschen und das aus unterschiedlichen Gründen. Auch die Corona-Pandemie zeigt uns, dass wir nicht immer alles unter Kontrolle haben können. Nicht alles ist planbar, vieles kommt anders als angenommen und das meist sehr schnell. Das oft zitierte agile handeln ist gefragt.

Doch bleiben wir für diesen Impuls bei den Führungskräften, denn Peter steht exemplarisch für viele langjährige Führungskräfte, die aktuell durch die jungen Menschen speziell der Generation Z gefordert werden. Die Jungen sind sehr viel selbständiger, kooperativer und ergebnisorientierter. Sie wollen gestalten und tun dies, oftmals ohne zu fragen. Sie suchen Freiräume und nehmen sie sich. Als Führungskraft kann man nicht mehr „alles unter Kontrolle haben“, sonst demotiviert man seine Mitarbeiter. Das ist nicht leicht zu lernen, aber Führungskräfte müssen sich dieser Aufgabe stellen, wenn sie weiterhin erfolgreich sein wollen. Loslassen, Freiräume geben, Vertrauen haben – was so selbstverständlich klingt, ist für viele Führungskräfte doch so schwer.

Auch Peter musste einige Zeit mit mir an diesem Thema arbeiten.

Nun Sie, haben Sie auch gerne „alles unter Kontrolle“?

Wo tritt bei Ihnen diese Eigenschaft besonders deutlich zu Tage? Im Beruf, in der Familie, im Hobby?

Wie reagiert ihr Umfeld darauf?

Wie geht es Ihnen, wenn etwas Unerwartetes geschieht?

Keine Frage, in vielen Fällen ist es gut, die Kontrolle zu haben. Doch manchmal ist es noch besser, sie bewusst aufzugeben und „es“ einfach geschehen zu lassen. Es fühlt sich leicht und frei an, die Dinge einfach fließen zu lassen und zu schauen, was passiert. Wenn wir ohnehin nicht alles kontrollieren können, warum sollen wir dann ständig nach Kontrolle streben?

Lassen Sie die Dinge doch einfach mal laufen…, vielleicht ja gleich an diesem Wochenende!

Der MP Impuls zum Wochenende

Ob wir es wollen oder nicht, altern ist ein Teil unseres Lebens – wir altern jeden Tag. Altern ist übrigens nicht zu verwechseln mit alt werden – das ist ein Privileg, denn viele Menschen auf dieser Welt werden nicht alt, sondern sterben leider schon sehr jung.

‚Danke, reicht schon als Impuls‘, sagt gerade die innere Stimme zu Ihnen? So ging es mir auch, als ich diesen Impuls geschrieben habe.

Doch nun habe ich ja schon mal angefangen und deshalb möchte ich Sie noch fragen, ob sie auch die zwei unterschiedlichen Typen von alten Menschen kennen? Bestimmt kennen sie die!

Es gibt die Menschen, von denen wir nach einem Gespräch meist denken: ‚Was für ein alter Griesgram.‘ Sie nörgeln an allem herum, sind unzufrieden, hadern mit ihrem Schicksal, mit den „Zipperlein“ des Alters und dem Alter überhaupt. Begegnungen mit solchen Menschen kosten viel Kraft und sind wahre Energieräuber. Meist denken wir nach einer solchen Begegnung: ‚Hoffentlich werde ich nicht so, wenn ich einmal alt bin.‘

Dann gibt es die anderen Alten, bei denen man das Gefühl hat, dass sie jeden Morgen dem Tag zunächst den Stempel „THE BEST IS YET TO COME“ aufdrücken und dann auch genauso handeln. Sie genießen es, keine Verpflichtungen mehr zu haben, sie haben Hobbys und nehmen sich die Zeit dafür, sie können genießen und tun das ausgiebig. Sie probieren Neues aus und oft genug sich dabei Dinge, wo wir uns sagen: „Donnerwetter, also in dem Alter…“. Auch diese Menschen haben „Zipperlein“, aber sie denken nicht darüber nach und schon gar nicht lassen sie sich davon „runterziehen“. Sie fühlen sich deutlich jünger als sie es kalendarisch tatsächlich sind. Nach Begegnungen mit solchen Menschen haben wir in der Regel nur einen Gedanken: „So möchte ich auch alt werden!“

Dazu kann ich Ihnen nur raten, denn damit erhöhen Sie Ihre Lebenserwartung! Der Effekt des „sich jünger Fühlens“ ist vielfach erforscht worden.

Deutsche über 70 fühlen sich im Schnitt 13 Jahre jünger, als sie es tatsächlich sind. Dies zeigt Wirkung, denn die eingebildete Jugendlichkeit wirkt nachweislich lebensverlängernd.

Eine der größten Studien zu diesem Thema wurde bereits 1988 in Finnland durchgeführt. Von den mehr als 1000 seinerzeit befragten Senioren fühlten sich 37% jünger als sie es tatsächlich waren, nur 13% fühlten sich älter. 13 Jahre später untersuchten die Forscher die Auswirkungen dieser Gedanken auf die Sterblichkeit der Studienteilnehmer. 60% der befragten Männer und 48% der befragten Frauen waren in der Zwischenzeit gestorben. Als Ergebnis zeigte sich jedoch, dass diejenigen, die sich älter gefühlt hatten, deutlich früher gestorben waren, als diejenigen die sich eingebildet hatten, jünger zu sein. Die Forscher neutralisierten auch den Effekt bestehender Krankheiten, Depressionen oder Demenz, also der Faktoren, die ohnehin zu einem höheren Sterberisiko geführt hatten. Zwar schmolz der Langlebigkeitsvorteil etwas ab, blieb jedoch in großen Teilen bestehen. Sich jünger zu fühlen, zeigte sich damit als ein valider Vorhersagefaktor dafür, ob man länger leben würde.

Der positive Effekt von Jugendlichkeitsgefühlen und Altersfrohsinn ist inzwischen vielfach bestätigt worden. Im amerikanischen Ohio konnten Forscher in einer Langzeitstudie sogar errechnen, dass Senioren mit positiven Bildern vom eigenen Altern ganze siebeneinhalb Jahre länger leben, als die Pessimisten, die negative Bilder des eigenen Altwerdens im Kopf haben. Die Ergebnisse galten sogar unabhängig von Krankheiten, Einkommen oder Geschlecht. Die Effekte positiver Gedanken sind damit weit stärker als die Effekte regelmäßigen Sports oder einer cholesterinarmen Diät. In entsprechenden Studien zeigten sich auch hier positive Effekte auf die Lebenserwartung, diese wurden jedoch nur auf vier Jahre taxiert. Sie liegen damit etwa um die Hälfte niedriger als die positiven Auswirkungen unserer Gedanken.

Es bewahrheitet sich also wieder einmal mehr: Unser Denken beeinflusst unser Erleben und unser Wohlergehen, in diesem Fall sogar unsere Lebenserwartung und das erheblich!

Sie kannten diese Zahlen nicht?

Jetzt kennen Sie sie und haben die Wahl – optimistisch dem Alter entgegen, Neues ausprobieren, Spaß haben, nicht hadern, sondern das Leben genießen! Und das dann auch noch länger und umgeben von Menschen, die viel lieber mit Ihnen ihre Zeit verbringen, als wenn Sie nörgelnd, griesgrämig und ständig unzufrieden sind. Ist das nicht eine schöne Vorstellung?

Dazu passend fallen mir noch ein paar schöne Zeilen aus einem Lied ein, dass Sie sicher kennen:

Und am Ende der Straße steht ein Haus am See.
Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg.
Ich hab 20 Kinder, meine Frau ist schön.
Alle komm’n vorbei, ich brauch nie rauszugehen.

Hier bin ich gebor’n, hier werd ich begraben.
Hab taube Ohr’n, ‘nen weißen Bart und sitz im Garten.
Meine 100 Enkel spielen Cricket auf’m Rasen.
Wenn ich so daran denke, kann ich’s eigentlich kaum erwarten.

aus: Haus am See, Peter Fox

Was auch immer Ihr Bild des Alters ist, malen Sie sich ein farbenfrohes, optimistisches Bild davon, sehen Sie sich selbst Spaß haben, glücklich sein und Neues ausprobieren. Und denken Sie an den Beginn dieses Impulses: Altwerden ist ein Privileg!

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Der MP Impuls zum Wochenende

Samstagmorgen kurz nach 6. Wie an jedem Morgen gehe ich die Treppe hinunter und das Erste, was ich stets tue, ist die Verbindungstür in den Teil unseres Hauses zu öffnen, indem unsere Katze ihre Nacht verbringt. Sie hat drei Zimmer, in denen sie sich aufhalten kann, damit sie in der Nacht nicht durch das ganze Haus streift und auch damit sie sich sicher fühlt. Ich öffne die Türe und…, unsere Katze ist nicht da.

Unsere Katze ist immer da, wenn ich diese Türe öffne und das seit annähernd 10 Jahren. Außer im April letzten Jahres, da hatte sie eine schwere Erkrankung und etwa vier Wochen lang stand sie morgens nicht an der Tür, wenn ich die Treppe hinunterkam. Jeden Morgen suchte ich sie in irgendeiner Ecke der Räume, in der sie sich versteckt hatte. Ihre Kontaktfreudigkeit war gewichen, ihre Esslust auch. Schließlich bekamen wir dank der Hilfe unserer Tierärztin die Bauchspeicheldrüsenentzündung gut in den Griff und seitdem galt wieder: wenn ich die Türe öffne, ist unsere Katze da – heute nicht.

Sofort schossen mir die Gedanken durch den Kopf: Oh Gott, vielleicht ein Rückfall?! Ich lief durch die Zimmer und suchte sie, fand sie jedoch nicht. Wo kann sie sein?

Plötzlich hörte ich sie im Katzenklo scharren und atmete erleichtert auf – sie war gerade auf Toilette.

Es geht so schnell und plötzlich haben wir Gedanken im Kopf, die wir eigentlich nicht haben wollen. Wir denken an das Schlimmste und nicht an das vielleicht Naheliegendste oder gar an das Positivste.

Wenig später ärgerte ich mich: Warum reagierst du so ? Du wolltest doch viel gelassener bleiben, Abby (unserer Katze) passiert schon nichts. Leichter gesagt als getan.

So etwas haben Sie auch schon erlebt ? Ja, so etwas haben wir wahrscheinlich alle schon einmal erlebt und es ist auch ganz normal.

Was war passiert? Unser Gehirn nimmt ständig eine Prognose vor, was aus unseren Erfahrungswerten heraus wohl gleich passieren wird. Passiert das dann nicht, kriegen wir das, was wir einen Schreck nennen. Vielleicht haben Sie ja schon mal eine Treppenstufe verpasst, während Sie gerade eine Treppe hinabstiegen? Dann wissen Sie sofort, was ich meine. Es ist der gleiche Effekt.

Ein Hirnforscher würde Ihnen jetzt erklären, dass mit dem Schreck die Ausschüttung bestimmter Hormone verbunden ist und wir deshalb erstmal in ein Verhaltensmuster zurückfallen, in dem unsere logische Denkfähigkeit eingeschränkt wird und automatische Verhaltensmuster aktiviert werden. Die neurobiologischen Details ersparen wir uns an dieser Stelle.  So war das auch bei mir. Meine Automatik lautete: oje, die Katze liegt sicher krank in irgendeiner Ecke. Ich muss sofort nach ihr suchen. Zum Glück eine Fehleinschätzung.

Die Hirnforschung hat uns in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse gebracht. Eine davon ist, dass wir nach Glücksmaximierung und Schmerzvermeidung streben. Wenn wir so zusagen aus 10000 Meter Höhe auf unsere Gehirnaktivität schauen, dann verfolgt unser Gehirn nur diese zwei übergeordneten Ziele (neben der Erhaltung der lebenswichtigen Funktionen). Werden unsere Erwartungen, die wir gerade haben, nicht erfüllt, wird das Schmerzzentrum aktiviert und es kommt zur Ausschüttung der entsprechenden Hormone. Dies passiert, ob wir das wollen oder nicht. Es ist kein willentlicher und damit kein steuerbarer Prozess. Ich bin also völlig zu Unrecht mit mir so hart ins Gericht gegangen und habe mich geärgert, dass ich nicht viel gelassener reagiert habe. Meine Reaktion lag weitgehend außerhalb meiner Steuerungsfähigkeit.

Im Alltag begegnen uns solche oder ähnliche Situationen immer wieder. Sie passieren im Privatleben oder im Beruf. Aus unseren Erfahrungen heraus erwarten wir etwas, weil es immer so war, und plötzlich passiert etwas ganz anderes. Das bringt sofort unser Gedankenkarussell in Gang und in der Regel malen wir uns Szenarien aus, die deutlich schlechter sind als das, was dann tatsächlich eintrifft. Wir neigen dazu, uns auf das negative zu fokussieren und uns wilde Gedankenmodelle auszumalen, die meist in der Realität gar nicht zum Tragen kommen. Eine ganz menschliche und, wie wir inzwischen wissen, auch eine ganz natürliche Reaktion. Wenn unser Schmerzzentrum aktiviert wird und entsprechende Hormone ausschüttet, können wir nicht gleichzeitig positiv denken und sagen: „Ach wunderbar, es wird bestimmt noch viel besser sein, als ich das üblicherweise erwarten konnte!“ Das passt halt nicht zusammen.

Nun also Sie:

In welcher Situation wurden Sie schon einmal überrascht und das, was Sie erwartet haben, ist nicht eingetreten?

Wie ging es Ihnen damit und wie haben Sie reagiert?

Sind Sie auch mit sich ins Gericht gegangen und haben sich geärgert, dass Sie nicht positiver oder gelassener geblieben sind?

Nun ja, es ist so menschlich und vielleicht fällt es Ihnen nach dieser kleinen Geschichte leichter, mit sich selbst etwas weniger streng zu sein.

‚Kann man das denn üben, gelassener zu sein‘,  geht es Ihnen vielleicht durch den Kopf? Schließlich hört man doch so oft den Satz: Expect the unexpected!

Vielleicht kann man das üben – bis zu einem gewissen Punkt, aber wir bleiben halt immer Menschen und deshalb wird es auch immer diese Reaktionen geben, die wir nicht vollständig steuern können, weil sie außerhalb unseres bewussten Handelns liegen.

Ich finde: Das ist doch gut so und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Der MP Impuls zum Wochenende

Mein Coachingnehmer war frustriert. In den letzten Tagen hatten wir immer wieder an der Vorbereitung eines wichtigen Meetings gearbeitet, in dem die nächsten Schritte eines Reorganisationsprojektes entschieden werden sollten. Mein junger Coachingnehmer, der auf Wunsch des Geschäftsführers in diesem Projekt mitwirkte und Koordinationsaufgaben wahrnahm, war stark engagiert. Die Aufgabe, das Unternehmen aus alten festgefahrenen Strukturen in die neue agile Arbeitswelt zu begleiten, gefiel ihm sehr. Er sprühte vor Ideen, hatte sich viel angelesen und recherchiert, viel Zeit in die Vorbereitung der Sitzung investiert.

In dieser Sitzung sollten nun ein neues Zielbild für die Gesamtorganisation und die Stellenausschreibungen der nächsten Führungsebene verabschiedet werden. Schon die Vorbereitung war nicht einfach gewesen, denn alte Denkweisen und neue Welt prallten zum Teil hart aufeinander. Mein junger Coachingnehmer war immer wieder enttäuscht von dem, was die Führungskräfte vorschlugen und lieferten. Er gab sein Bestes, wenigstens seinen Geschäftsführer aufzurütteln und für die neuen Zeiten und die dazu passenden Formulierungen zu sensibilisieren. Nun also war die Sitzung gelaufen und mein Klient ziemlich down.

Was war passiert? Eine Führungskraft war entgegen der Absprachen mit Ausschreibungen vorgeprescht. Diese enthielten nur alte Formulierungen, von Agilität keine Spur. Doch anstatt diese Führungskraft in die Schranken zu weisen, war man sich schnell einig gewesen, dass es dann eben alle so machen. Das neue Zielbild war erst gar nicht mehr diskutiert worden, man wolle die Menschen ja auch nicht überfordern.

„Und Dein Geschäftsführer?“, fragte ich ihn. „Hat der nicht eingegriffen?“

„Nein“, kam die resignierte Antwort, „er hat es laufen lassen, ich verstehe es auch nicht.“ Er atmete tief durch und ergänzte: „Ich habe keinen Bock mehr, ich mag da nicht mehr arbeiten, denen ist eh alles egal, was ich mache.“

Wenn man so will, war es aktuell wie eine Überdosis Frust, was man ja gut verstehen kann.


Vielleicht ruft das bei Ihnen Erinnerungen wach, weil es Ihnen auch schon einmal so ergangen ist? Sie sind mit sehr viel Elan, Engagement und Begeisterung bei der Sache gewesen, Sie waren von Ihrer Lösung vollkommen überzeugt, Sie wollten die Sache gut, richtig und erfolgreich machen und dann kam alles ganz anders… . Menschen, auf die Sie vertraut haben, haben Sie dann auch noch enttäuscht, weil sie nicht zu Ihnen gestanden, nicht offen für Sie Partei ergriffen haben. Man fühlt sich alleingelassen und tief enttäuscht. Ich jedenfalls kann mich an meine jungen Jahre gut erinnern und da kamen Situationen wie diese häufiger vor.

„Warum versteht denn keiner, dass wir etwas ändern müssen, wenn es besser werden soll? Dass wir so nicht weiter machen können? Dann können wir doch das ganze Projekt auch einfach sein lassen?“, warf mein Coachingnehmer in den Raum.

Es ist vollkommen nachvollziehbar, dass ihn diese Frage beschäftigt, doch Antworten darauf zu finden, ist nicht leicht. Alle anderen sind gerade nicht im Raum, wir können sie nicht fragen. Dass Veränderungen abgelehnt werden ist nicht neu, viele Menschen verändern sich nicht gerne. Change-Projekte scheitern weitaus häufiger als sie erfolgreich sind. Wenn es an die persönlichen Konsequenzen und Veränderungsnotwendigkeiten in der Umsetzungsphase geht, ist es oft viel leichter, einfach weiterzumachen wie bisher, als sich den Herausforderungen zu stellen. Fakten schaffen, in dem man einfach weiter macht, irgendwann verschwinden die Projektepapiere dann in den Schubladen. In solchen Konstellationen spielen Ängste, Überforderung, Rollenunklarheiten und auch Machtkämpfe eine große Rolle. Mein Klient hatte vor allem mit ein paar neuen Bereichsleitern zu kämpfen, die vorrangig damit beschäftigt waren, ihre Claims neu abzustecken. Und dabei spielten nicht nur Herren besonders unrühmliche Rollen.

„Das ist alles nicht schön“, sagte ich zu meinem Klienten, „aber leider ist es oft so. Deshalb jetzt zu Dir, Du bist hier und Du sollst hier etwas mitnehmen.“

Dann arbeiteten wir auf, ob er in der Vorbereitung des Meetings etwas hätte besser machen können. Nein.

Wäre es anders gelaufen, wenn nicht du, sondern ein anderer junger Kollege, es vorbereitet hätte? Nein, wahrscheinlich nicht.

Und so reihten wir noch ein paar Aspekte aneinander, bis ihm klar wurde, dass dieser Ausgang keine persönliche Niederlage war. So hatte er es zunächst empfunden. Damit gewann er auch wieder an Elan und Kampfeswillen. Das war schön zu sehen.

„Also, was kannst Du tun?“

Da fielen ihm auf Anhieb dann doch zwei, drei Dinge ein, die er tun wollte. Allem voran stand das Gespräch mit seinem Geschäftsführer. Er blieb kritisch, was den schnellen Umsetzungserfolg des Projektes anging und das sicher zu Recht. Aber er war wieder positiv und lösungsorientiert und das war an diesem Tag schon eine Menge.

Situationen wie diese, die mein Klient erleben musste, fühlen sich nie gut an. Doch wir müssen uns bewusst machen, dass es viele Gründe gibt, warum Menschen Dinge tun, die wir aus unserer Überzeugung für falsch halten und nicht verstehen können. Nur in seltenen Fällen haben diese etwas mit uns als Person zu tun, im Gegenteil: Würden wir mit den Personen einzeln am Abend ein Bier trinken gehen, würden uns wahrscheinlich fast alle loben. Im Team und in den Entscheidungssituationen aber wirken ganz andere Dynamiken, die mit uns als Mensch nichts zu tun haben. Egal wie gut unsere Arbeit war und wie recht wir auch haben, andere Faktoren dominieren die Entscheidung und das Verhalten der Entscheidungsträger, auch wenn wir es in diesem Moment nicht verstehen können.

Nehmen Sie solche Situationen nicht persönlich – es ist fast nie Ihre persönliche Niederlage, es ist die Dynamik des Systems mit seinen Beharrungskräften. Lassen Sie sich davon nicht entmutigen. Gut und wichtig ist es, sich immer zu fragen, ob man selbst hätte etwas besser machen können. Ihr Verhalten liegt in Ihrer Gestaltungskompetenz und -verantwortung. Das der anderen nicht. Danach schauen sie nach vorne, sammeln ihre Kräfte und nehmen einen neuen Anlauf, wobei es natürlich erlaubt ist, sich erstmal eine Zeit des Verarbeitens zu gönnen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende!

Der MP Impuls zum Wochenende

In meinem Portfolio gibt es inzwischen mehrere Kunden, die ich seit 10 Jahren oder noch länger begleite. Wenn man so will sind sie meine Kunden „der ersten Stunde”. Bei diesen Kunden bleibt es nicht aus, dass ich auch immer wieder Personalwechsel miterlebe, weil Menschen in den Ruhestand gehen.

Vor einigen Monaten besuchte ich mal wieder einen solchen Kunden und nachdem wir die inhaltlichen Absprachen für den nächsten gemeinsamen Workshop getroffen hatten, sagte mein Gesprächspartner: „Weißt Du eigentlich, dass Peter gestorben ist?“ Nein, wusste ich nicht.

Wahrscheinlich entglitten mir die Gesichtszüge, denn Peter hatte noch vor einem Jahr, bei meinem letzten Workshop vor Ort, mit seinen Themen viel Zeit eingenommen. Er hatte keine leichte Aufgabe und führte Menschen, die für ihn als Führungskraft oft herausfordernd waren. Über neun Jahre lang, hatten wir immer wieder diskutiert, Tipps ausgetauscht und er hatte meinen Rat gesucht. Ich hatte gewusst, dass Peter einige Monate nach diesem Workshop in den Ruhestand gehen würde, das war jetzt ein gutes halbes Jahr her. Und nun war Peter gestorben, es war schnell gegangen, Krebs.

Unweigerlich erinnerte ich mich an den Abend des ersten Workshoptages im letzten Jahr zurück. Ich hatte lange mit Peter an der Bar gesessen und ein leckeres Bier getrunken. „Was willst Du machen, wenn der Ruhestand erreicht ist?“, hatte ich ihn gefragt. Er war noch unsicher, da waren so viele Dinge, die er immer aufgeschoben hatte und die er machen wollte, wenn er im Ruhestand endlich Zeit dafür haben würde. „Meinen Garten neu anlegen, endlich die vielen Bücher lesen, die sich bei mir stapeln, mein Motorrad wieder aktivieren, wofür ich es erstmal gründlich zerlegen und wieder zusammenschrauben muss“, lachte er. Und dann war da noch sein großer Traum vom eigenen Segelboot. Er hatte sein Handy aus der Tasche geholt und mir Bilder gezeigt, wie es aussehen könnte. „Nächsten Januar fahre ich zur „Boot“, der großen Messe in Düsseldorf, und schaue mir mögliche Modelle an, auch wenn ich mir nie ein neues Segelboot werden leisten können. Auf diese Messe wollte ich immer schon mal, aber ich konnte ja zu dieser Zeit am Jahresanfang nie Urlaub nehmen.“ Peter war nicht mehr dort gewesen.

Leider begegnen uns solche oder ähnliche Geschichten immer wieder. Sie kennen vielleicht auch solch eine Geschichte. Viele Menschen schieben das, was sie eigentlich gerne tun wollen, immer wieder auf. Es gibt immer etwas, das gerade wichtiger ist. Es fehlt immer die Zeit, weil etwas getan werden muss, was vermeintlich gerade wichtiger ist. Am Ende bleiben dann immer die Dinge liegen, die wir eigentlich so gerne tun würden. Wir hoffen, nein, zu diesem Zeitpunkt sind wir meist sogar sicher, dass wir irgendwann Zeit haben, diese Dinge nachzuholen. Und so verschieben wir die Dinge, die uns Freude bereiten, auf die wir so viel Lust haben und von denen wir überzeugt sind, dass Sie uns Spaß machen werden, immer weiter. Bis… ja, bis wann?

Auch wenn es vielleicht etwas unter die Haut geht, noch ein letzter Blick auf die Erkenntnisse der Sterbeforschung, die auch Sie mit Sicherheit schon mal gehört haben. Menschen haben auf dem Sterbebett selten Dinge bedauert, die sie getan haben. Viel öfter bedauerten Sie die Dinge, die sie nicht getan haben, weil… und dann kommen die vielen scheinbar so wichtigen Gründe.

Und Sie? Was haben Sie schon so oft aufgeschoben?

Was wollten Sie eigentlich immer tun und doch war nie Zeit dazu?

Irgendetwas war immer wichtiger?

Wie lange wollen Sie noch warten?

An Besten nutzen Sie gleich dieses Wochenende und fangen damit an, die Dinge zu tun, die so lange aufgeschoben haben – warten Sie nicht weiter, lassen Sie nicht zu, dass es auch Ihnen so ergeht wie Peter.

Ein schönes Wochenende!